Krankenhausarchitektur

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Dieser Text entstand anlässlich der Pläne, die Pavillon-Struktur des Klinikums Bremen-Mitte aufzuheben und gegen einen kompakten Neubau zu ersetzen. In der Diskussion um diesen "Masterplan" scheinen andere Möglichkeiten der baulichen Anpassung des Klinikums Bremen-Mitte an sich verändernde Bedingungen keine Rolle zu spielen und gespielt zu haben. Möglicherweise waren bei der Entwicklung des "Masterplans" Interessen von Einfluss, an möglichst viel öffentliches Gelände "heranzukommen". Es gibt weichere und zukunftsoffenere Möglichkeiten, bestehende Pavillon-Strukturen zu modernisieren.


Inhaltsverzeichnis

Gebäudeplanung

Das folgende basiert auf den niederländischen Richtlinien für den Neubau von allgemeinen Krankenhäusern (General hospital building guidelines, 2002).


Arten baulicher Flexibilität

Bei der Planung von Krankenhausneubauten kommt es gerade in der heutigen Zeit auf Flexibilität an. Welche Arten von Flexibilität gibt es?


Gebrauchsflexibilität

Möglichkeit, denselben Raum bzw. Platz für unterschiedliche Funktionen nutzen zu können, ohne ihn umbauen zu müssen.


Rückbauflexibilität

Möglichkeit, Elemente eines Gebäudes oder Gebäudekomplexes abzuschaffen, ohne dass die Gesamtfunktionalität der Anlage leidet.


Interne Flexibilität

Möglichkeit, Funktionseinheiten eines Krankenhauses zu ändern, ohne dass feste Gebäudeinstallationen betroffen sind. Solche Möglichkeiten werden z.B. realisiert, indem Funktionseinheiten mit unflexiblen Anforderungen an Gebäude und Installationen neben Funktionseinheiten platziert werden, sie sich leicht an andere Orte verlegen lassen. Letztere fungieren dann wie Puffer, wenn erstere erweitert werden sollen.

Externe Flexibilität

Möglichkeit, Gebäudestrukturen räumlich auszudehnen, ohne dass die Gesamtfunktionalität der Anlage leidet. Solche Möglichkeiten werden z.B. geschaffen, indem Funktionseinheiten mit weniger zentraler Bedeutung in separaten Gebäuden in einiger Entfernung vom Hauptkomplex untergebracht werden.

Planungsmodelle

An die Planung von Krankenhausneubauten lässt sich von verschiedenen Perspektiven her herangehen.

Spezialisierung

Es wird von der fachärztlichen Behandlung her gedacht: Welche Fachrichtungen gibt es? Welche Geräte und welche Infrastrukturen werden zu ihrer Anwendung benötigt? Welche räumliche Einteilung ermöglicht einen optimalen Einsatz der Fachrichtungen?

Zielgruppen

Es wird von "Themen" her gedacht, mit denen sich PatientInnen auseinander zu setzen haben, z.B. "Gehirn und Nerven", "Entwicklung und Reproduktion", Organe ... Wie lassen sich PatientInnengruppen optimal einteilen und die für sie nötigen Behandlungen/BehandlerInnen/Fachrichtungen optimal im verfügbaren Raum unterbringen? (Dies wird in umgekehrter Perspektive auch als Bildung von "Kompetenzzentren" bezeichnet.)

Patientenfluss

Es wird vom raumzeitlichen Bedarf der PatientInnen her gedacht: Notfallbehandlung (sofort, längere Wege nicht tolerabel), Akutbehandlung (zeitnah, längere Wege tolerabel), Terminbehandlung (planbar, lange Wege tolerabel), permanente Behandlung/Pflege (regelmäßige Zeiten/Wege) . Welche räumliche Einteilung kann den raumzeitlichen Bedarf jeweils optimal erfüllen?

Behandlungsprozess

Es wird von den Stadien her gedacht, die PatientInnen durchlaufen: Diagnose bei HausärztInnen - Krankenhauseinweisung - Diagnostik - Behandlungsentscheidung - Behandlung/Pflege - Nachbehandlung/ambulante Weiterbehandlung. Daraus ergibt sich eine räumliche Anordnung in: Aufnahmebereich, Diagnosebereich, Besprechungsräume etc. Wie lassen sich diese Bereiche optimal im verfügbaren Raum unterbringen?

Grundmodelle der Gebäudeanlage

Unterschiedliche Typen der Gebäudeanlage haben ihre je eigenen Vor- und Nachteile.


Breitfuß

Beispiel: Christophorus-Krankenhaus in Werne.

Ein meist hohes Gebäude für Pflegefunktionen sitzt auf einem Sockel mit Behandlungs-, Diagnose- und ambulanten Funktionen.

  • kurze Wege im Sockel
  • länger dauernde Wege zwischen Behandlungszimmern und Sockel
  • Verkehrswege mit "Flaschenhälsen"
  • Standortorientierung gut (d.h. man hat im Gespür, wo im Gesamtkomplex man sich gerade befindet)
  • viele Bereiche ohne Fenster nach außen und ohne natürliche Luft
  • geländesparend
  • Flexibilität bei der Anpassung von Krankenhausfunktionen
  • keine Rückbaumöglichkeiten bei sinkenden Patientenzahlen
  • schlechte Erweiterbarkeit bei steigenden Patientenzahlen


Doppelkamm

Beispiel: Klinik der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Gebäude gliedern sich beidseitig senkrecht an eine zentrale Passage.

  • bei günstiger Funktionsaufteilung kurze Wege
  • Verkehrswege ohne "Flaschenhälse"
  • Standortorientierung weniger gut
  • weniger Bereiche ohne Fenster nach außen und ohne natürliche Luft
  • geländeintensiv
  • hohe Flexibilität bei der Anpassung von Krankenhausfunktionen
  • gute Rückbaumöglichkeiten bei sinkenden Patientenzahlen
  • gute Erweiterbarkeit bei steigenden Patientenzahlen

Arkade

Beispiel: Flevo Hospital in Almere.

Gebäude gliedern sich beidseitig horizontal an eine zentrale Passage.

  • bei günstiger Funktionsaufteilung kurze Wege
  • Verkehrswege ohne "Flaschenhälse"
  • Standortorientierung gut
  • weniger Bereiche ohne Fenster nach außen und ohne natürliche Luft
  • weniger geländeintensiv
  • Nutzbarkeit der Arkade für andere Zwecke (z.B. Shops)
  • Flexibilität bei der Anpassung von Krankenhausfunktionen
  • geringe Rückbaumöglichkeiten bei sinkenden Patientenzahlen
  • Erweiterbarkeit bei steigenden Patientenzahlen

Kreuz

Beispiel: Drei Burgen Klinik Münster.

Kreuzbauten.

  • relativ kurze Wege
  • Verkehrswege mit weniger "Flaschenhälsen"
  • Standortorientierung weniger gut
  • wenig Bereiche ohne Fenster nach außen und ohne natürliche Luft
  • geländesparend
  • Flexibilität bei der Anpassung von Krankenhausfunktionen
  • keine Rückbaumöglichkeiten bei sinkenden Patientenzahlen
  • kaum Erweiterbarkeit bei steigenden Patientenzahlen


Verzweigt

Beispiel: Landesklinikum Waldviertel Zwettl.

Gebäude verzweigt sich ausgehend von einem Zentrum.

  • längere Wege
  • Verkehrswege ohne "Flaschenhälse"
  • Standortorientierung gut
  • kaum Bereiche ohne Fenster nach außen und ohne natürliche Luft
  • geländeintensiv
  • niedrigere Gebäude, Möglichkeit für Gärten, positive emotionale Wirkung
  • hohe Flexibilität hinsichtlich Funktionen und Patientenzahlen

Linear

Beispiele: Gertraudenhospital Berlin und Vlietland Hospital in Schiedam.

Langes Gebäude in U-Form.

  • längere Wege
  • Verkehrswege kaum mit "Flaschenhälsen"
  • Standortorientierung gut
  • kaum Bereiche ohne Fenster nach außen und ohne natürliche Luft
  • niedrigere Bauweise möglich
  • relativ geländeintensiv
  • Flexibilität bei der Anpassung von Krankenhausfunktionen
  • geringere Rückbaumöglichkeiten bei sinkenden Patientenzahlen
  • geringere Erweiterbarkeit bei steigenden Patientenzahlen


Pavillon

Beispiele: Klinikum Bremen Mitte und Isala klinieken van Zwolle (z.Z. im Bau).

Verstreut liegene Einzelgebäude.
Die Pavillon-Bauweise wurde nach dem 2. Weltkrieg weitgehend aufgegeben, in jüngerer Zeit jedoch wiederentdeckt.

  • lange Wege
  • Verkehrswege ohne "Flaschenhälse"
  • Standortorientierung oft weniger gut
  • kaum Bereiche ohne Fenster nach außen und ohne natürliche Luft
  • geländeintensiv
  • niedrigere Gebäude, Möglichkeit für Gärten, positive emotionale Wirkung
  • geringere Flexibilität bei der Anpassung von Krankenhausfunktionen (Bindung an Gebäude)
  • gute Rückbaumöglichkeiten bei sinkenden Patientenzahlen
  • gute Erweiterbarkeit bei steigenden Patientenzahlen

Gebäude und Umgebung

Sonnenlicht

In einer Studie (Walch et al., 2004) wurden PatientInnen nach Bandscheibenoperationen in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe kam in den dunkleren Teil der Patientenzimmer, die andere in den helleren Teil. Es zeigte sich, dass die Gruppe im helleren Teil der Zimmer weniger Stress und Schmerzen empfand und 20% weniger Kosten für Schmerzmittel verursachte.

In einer anderen Studie (Benedetti,Francesco et al., 2001) wurde der Einfluss von Sonnenlicht auf die Dauer des Krankenhausaufenthalts bei PatientInnen mit sog. "bipolaren und unipolaren affektiven Störungen" untersucht. Dabei wurden die PatientInnen zufällig in nach Osten gelegenen und in nach Westen gelegenen Zimmern untergebracht. Die durchschnittliche Dauer des Krankenhausaufenthalts war bei den nach Osten gelegenen Zimmern (Morgensonne) um 3.67 Tage geringer.


Quellen


Anblick von Pflanzen

Einer Studie (Ulrich, 1984) zufolge blieben PatientInnen nach Bauchoperationen länger im Krankenhaus, wenn die Fenster ihrer Patientenzimmer auf eine Steinmauer zeigten - gegenüber Patientenzimmern mit Blick auf Pflanzen. Nachgewiesen wurden außerdem Auswirkungen des Anblicks von Pflanzen auf Blutdruck und Herzfrequenz (Ulrich, 1991).

Bei der Einrichtung von Stationen für zahlende KundInnen in Krankenhäusern, die auch die "Normalbevölkerung" versorgen, ist mit einer ökonomisch motivierten Zuweisung der Fensterausblicke zu rechnen.


Quellen


Siehe auch

Gärten

Im Jahr 1995 wurden als Vorbereitung für eine Fallstudie Gärten in 24 nordkalifornischen Krankenhäusern begutachtet.

Man fand dabei, dass in öffentlichen Krankenhäusern bei der Anlage der Gärten eher auf den therapeutischen Effekt geachtet wird, bei privaten Trägern dagegen eher auf "Landschaftskosmetik", um das Image zu heben. Dies erklären die AutorInnen damit, dass die Bedeutung von Gärten trotz vorliegender Studien über ihren Heilungsnutzen meist nicht erkannt wird, andererseits aber in öffentlichen Krankenhäusern wegen Geldmangels jede kostengünstige Gelegenheit genutzt wird, um PatientInnen den Aufenthalt angenehmer zu machen. Heraus kommen dabei teilweise so wunderschöne Anlagen wie im Laguna Honda Hospital und im San Francisco General Hospital. Voraussetzung ist natürlich, dass öffentlicher, nicht-privatisierter Raum zur Verfügung steht. Eine entscheidende Rolle spielen außerdem einzelne Menschen, die in den Krankenhäusern arbeiten, etwa Gärtner mit der nötigen Motivation und Entscheidungsfreiheit oder Leitungs- und Pflegekräfte mit dem nötigen Bewusstsein.


Quelle

Gebäudeeinrichtung

Quelle für das Folgende: The Role of the Physical and Social Environment in Promoting Health, Safety and Effectiveness in the Healthcare Workplace (Anjali Joseph, Ph.D., Dir Director of Research, The Center for Health Design 2006)

In dem Text wird an verschiedenen Stellen auf die Bedeutung von ausreichend Personal hingewiesen. Veränderungen der Einrichtung können die Arbeits- und Behandlungsqualität erhöhen, aber sie können auch dazu dienen, die Arbeitsdichte zu erhöhen und Fließbandabfertigung zu fördern, um mit weniger Personal auszukommen.


Waschbecken

Eine bequeme Anordnung von Möglichkeiten zum Händewaschen senkt wirksam die Infektionsgefahr für PflegerInnen.


Beleuchtung

Jährlich sterben in US-Krankenhäusern ca. 98.000 Menschen an Medikationsfehlern. Durch bessere Beleuchtung (1.500 Lux statt 450 Lux) konnte einer Studie zufolge die Fehlerrate gesenkt werden.

Die Beleuchtung spielt für MitarbeiterInnen besonders während der Nachtschicht eine Rolle. Mit ihrer Hilfe lässt sich die Stimmung verbessern und Anpassungen des Wach/Schlaf-Rhythmus' erleichtern.

Schalldämmung und Akustik

Durch geeignete Schalldämmung können Stress, Erschöpfung und Fehler reduziert werden. Lärmbelastung hat außerdem negative Auswirkungen auf die Kommunikations- und Hilfsbereitschaft. (Untersuchungen gibt es hier v.a. im Bereich der Schulen, wobei sich vieles auf Krankenhäuser übertragen lässt.)

Einer Studie zufolge liegt der Schallpegel in Krankenhäusern oft über von der Weltgesundheitsorganisation definierten Grenzwerten. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt als Grenzwert nachts 35 und tags 45 dB.

ergo online - Informationsplattform zum Arbeits- und Gesundheitsschutz:

Nach neuesten Erkenntnissen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin werden diese Werte als nicht ausreichend angesehen. Danach gelten Schallpegel bis 30 dB (A) als optimal, bis 40 dB (A) als sehr gut und bis 45 dB (A) als gut. Werte darüber sind nicht akzeptabel.

Vor allem in Küchen geht es außer um die psychische Belastung durch Lärm auch um die physische Belastung des Gehörs. Seit März 2007 gilt ein niedrigerer EU-Grenzwert von 80 dB(A) Dauerlärm.

Anpassungsfähige Patientenzimmer

Im Clarian Methodist Hospital in Indiananapolis wurde die Einrichtung einer Intensivstation für HerzpatientInnen so verändert, dass PatientInnen bei Zustandsveränderungen kaum noch transportiert werden mussten (90% weniger Transporte). Dazu wurden u.a. alle 28 Einzelzimmer mit Notversorgungseinrichtungen ausgestattet. Ein Vergleich der Unterlagen von zwei Jahren vor dieser Änderung mit denen von drei Jahren nach dieser Änderung ergab, dass es zu 70% weniger Fehlern bei der Medikamentengabe gekommen war. Dies hängt u.a. damit zusammen, dass bei Patiententransporten auch Informationen "transportiert" werden müssen.

Stationsgrundriss

In kreisförmig angelegten Stationen mit dem Dienstzimmer im Zentrum müssen gegenüber rechteckig angelegten weniger Schritte gemacht werden. Um Wegezeiten noch weiter zu reduzieren, wird immer mehr das Konzept eines zentralisierten Dienstraums aufgegeben. Dies führt aber dazu, dass KrankenhausmitarbeiterInnen vereinzelter sind, weniger miteinander reden und sich häufiger unwohl fühlen.

Stationsgröße

Auf kleineren Stationen kommt es - unabhängig vom Patientenschlüssel - eher zu nicht rein funktionalen Kommunikationen zwischen PflegerInnen und PatientInnen als auf größeren.


Neutrale Zonen

Bereiche auf einer Station, die keinen funktionellen Arbeitsnutzen haben bzw. ausschließlich der Erholung dienen, fördern Kommunikation, Teamarbeit und Lernprozesse und wirken anti-hierarchisch.

Siehe auch

Persönliche Werkzeuge