Argumente für Privatisierungen

Aus PrivatisierungsWiki

Wechseln zu: Navigation, Suche
Inhalt

Inhalt
Nachrichten
Bundesrepublik
Bundesländer
Städte, Kommunen
Klinikunternehmen/Heimbetreiber
Zusammenschlüsse
Weitere Organisationen
Dokumente
Themen

Inhaltsverzeichnis

Sammlung 2005

  1. Kürzere Entscheidungswege (Marburger Bund – Ärzte Zeitung 13.4.05)
  2. Bessere Ausstattung wegen des erleichterten Zugangs privater Träger zum Kapitalmarkt (Marburger Bund – Ärzte Zeitung 13.4.05)
  3. Privatisierung ist nicht gleichzusetzen mit einer Reduzierung der Arbeitnehmerrechte (Marburger Bund – Ärzte Zeitung 13.4.05)
  4. Einzige Chance, Krankenhäuser vor der Schließung zu bewahren (PlusMinus 12.4.05)
  5. Ohne Privatisierung wären kleinere Krankenhäuser nicht finanzierbar (PlusMinus 12.4.05)
  6. Einführung flacher Hierarchien und dadurch mehr Zeit für die Betreuung, indem Besprechungen wegfallen (Pflegedienstleitung – PlusMinus 12.4.05)
  7. Höhere Transparenz bezüglich der Behandlungserfolge, denn private Träger wollen ihre MitarbeiterInnen zu mehr Leistung anspornen (PlusMinus 12.4.05)
  8. Qualitätsverbesserungen in den Behandlungen, weil schlechte Qualität unwirtschaftlich ist (PlusMinus 12.4.05)
  9. Es werden kaum Beschäftigte entlassen (PlusMinus 12.4.05)
  10. Das Gehaltsniveau sinkt kaum (PlusMinus 12.4.05)


Sammlung 2007

Nach Peter Scriba, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer (BÄK)
(aus: Ärzte Zeitung 13.4.07):

  1. wegkommen von der staatlichen Bevormundung durch Bürokratie
  2. in einem privatisierten Institut sind ausschließlich sachlich gute Lösungen gefragt
  3. im Unterschied zu staatlichen Trägern arbeiten private Träger oft wirtschaftlicher
  4. private Kliniken haben meist einen besseren Zugriff auf den Kapitalmarkt
  5. Privatisierungen sind ein guter Stimulus für den Wettbewerb, der außer der Wirtschaftlichkeit auch eine bessere Qualität zum Ziel hat
    Zunehmend nehmen sich staatliche und kirchliche Klinikbetreiber die Arbeitsweise der privaten Unternehmen zum Vorbild. Den Privaten bleibt deshalb gar nichts anderes übrig, als die Konkurrenz durch eine bessere Qualität der Leistungen auszustechen. "Sie können mit der Versorgungsqualität punkten". Für ein Uniklinikum bedeutet ein Qualitätswettbewerb also immer auch mehr Investitionen in Forschung, Weiterbildung und Versorgung.


Nach Rüdiger Strehl, Generalsekretär des Verbands der Uniklinika Deutschlands
(aus: Ärzte Zeitung 13.4.07):

  1. Bund und Länder kommen ihren Verpflichtungen gegenüber den Kliniken zunehmend nicht nach. (...) Hier hilft privates Kapital. Anderenfalls müsste die medizinische Leistungsfähigkeit der Krankenhäuser wegen unzureichender Investitionen vor allem in den Bereichen Medizintechnik und IT zurückgefahren werden. Dauerhaft ist privates Kapital keine Lösung, weil es letztlich zu Lasten der "weißen" Bereiche des Krankenhauses erwirtschaftet werden müsste.
  2. Privates Kapital hilft auch bei einer dauerhaften Befreiung von bürokratie- und kostenträchtigen Relikten öffentlicher und gemeinnützig getragener Kliniken wie etwa veraltete Tarifstrukturen, Sonderkosten für betriebliche Altersversorgungssysteme oder Beschränkungen durch Vergabevorschriften im Einkauf. (...)
  3. In jedem Fall hilft Privatisierung bei der Herstellung einer größeren Wettbewerbsfähigkeit.


Nach Stephan Martin, Chefarzt Rheinische Kliniken Düsseldorf (Deutschlandradio 4.7.07):

  1. bessere Arbeitsbedingungen an privaten Kliniken für ÄrztInnen, guter Service der Verwaltung und Unterstützung der Geschäftsführung beim Kauf neuer Geräte
  2. ökonomische Mechanismen und Arbeitsprozesse haben private Investoren bereits in anderen Kliniken etabliert - lokale öffentliche Träger haben diese Erfahrung nicht


Nach Dr. Hildebrand & Partner GmbH (H&P) Newsletter 17.7.07:

  1. Das Argument, private müssten teurer sein als öffentliche Krankenhäuser, weil bei ihnen zu den unvermeidlichen Kosten noch ein Gewinn abfallen müsse, stimmt nicht.
  2. Die deutsche Realität [belegt] aufs Drastischste [...], wie vormals defizitäre öffentliche Krankenhäuser nach kurzer Zeit in privater Regie ohne erkennbare Qualitätsminderung satte Gewinne einfahren.
  3. Zentraler Einkauf und zentrale Infrastrukturdienste senken Kosten.
  4. Private können unwirtschaftliche Prozesse und Strukturen rascher beseitigen, denn: Die Einbindung in das Regelwerk und in die Entscheidungsmechanismen der Öffentlichen Hand ... machen es – ohne irgendwelche für den Bürger erkennbaren Vorteile – praktisch unmöglich, erkannte Rationalisierungspotentiale auch rasch zu heben. Die daraus resultierenden Einflussmöglichkeiten „politischer“ Interessen aller Art (wie die bekannten „Bypässe“ vieler Chefärzte an ihren Leitungen vorbei) führen oft dazu, dass Leitungen öffentlicher Einrichtungen ohnmächtig mit ansehen müssen, wie Chancen vertan werden. Und wenn dann alles finanziell wegrutscht, sind sie auch noch die wohlfeil „Schuldigen“, während die Bremser nie zur Rechenschaft gezogen, sondern eher noch befördert werden.
  5. Durch ihren wirtschaftlichen Erfolg kommen Private an Kredite, die ihnen weiteres Wachstum ermöglichen, wodurch ihr wirtschaftlicher Erfolg zunimmt. Eine Kettenreaktion, solange es weitere Krankenhäuser zu akquirieren gibt. Das Wachstum hat erfahrungsgemäß zur Folge, dass der Wert zugekaufter Krankenhäuser schon dadurch wachsen dürfte.

(Damit kein falscher Eindruck entsteht: Dies steht nich allein in dem Text - siehe unten, Weitere Aussichten.)

Diskussion

Kürzere Entscheidungswege, weniger Bürokratie, flache Hierarchien

Vorteile:

  • mehr Zeit für die Betreuung, indem Besprechungen wegfallen
  • wegkommen von staatlicher Bevormundung
  • sachlich gute Lösungen setzen sich leichter durch
  • wirtschaftlicheres Arbeiten, u.a. weil kostenträchtige Regelungen wie betriebliche Altersversorgungssysteme und Restriktionen im Einkauf weggfallen


Gegenargumente:

  • Bürokratieaubbau, Sachlichkeit, kürzere Entscheidungswege wären auch in öffentlichen Einrichtungen realisierbar. Öffentliche Träger/PolitikerInnen haben sich aber kaum um Verbesserungen im Bereich des "Amtsschimmels" bemüht. Beschäftigte haben in dieser Hinsicht kaum Druck ausgeübt und bürokratische Nervereien meist hingenommen.
  • Nicht immer sind kürzere Entscheidungswege vorteilhaft. Für grundsätzlichere und/oder langfristig wirksame Entscheidungen sollte man sich Zeit lassen und einen demokratischen Meinungsbildungsprozess ermöglichen.
  • Mit kurzen Entscheidungswegen sind auch Gefahren verbunden. Siehe dazu Bremen und Neue Pergamon.
  • Staatliche Bevormundung wird gegen Bevormundung durch Besitzende getauscht. Staatliche Entscheidungsvollmachten sind aber demokratisch beeinflussbarer als aus Besitz abgeleitete Entscheidungsvollmachten.

Insgesamt werden keine Argumente für Privatisierungen genannt, die nicht auch ohne Privatisierungen und deren Nachteile erreicht werden können.

Besserer Zugang zum Kapitalmarkt

Vorteile:

  • Vermeidung von Schließungen
  • öffentlich nicht finanzierbare Krankenhäuser bleiben erhalten
  • Ausgleich für unzureichende Investitionen der öffentlichen Hand


Gegenargumente:

  • Die öffentliche Hand ist ein sehr guter Schuldner, der Kredite günstiger bekommt als Private. Dass die öffentliche Hand notwendige Kapitalaufnahmen Privaten überlässt, ist eine politische Entscheidung. Kosten werden dadurch nicht gespart, denn die höheren Kosten für private bzw. kurzfristigeren Kapitalaufnahmen werden letzlich aus den öffentlichen Versorgungssystemen beglichen.
  • Krankenhäuser sind öffentlich nicht finanzierbar, aber privat finanzierbar, weil seit Jahren Kapital von der öffentlichen Hand in private Taschen umgeleitet wird.
  • Durch Privatisierungen geraten Einrichtungen des Gesundheitswesens in Konkurrenz zu Wirtschaftsbereichen wie beispielsweise der Automobil- und Waffenindustrie und der Finanzmärkte. Hohe Kapitalrenditen in anderen Bereichen führen zu einem Druck auf die Kapitalrenditen im Gesundheitsbereich, womöglich zu Kapitalabflüssen. Die Gesundheitsversorgung und ihre Kapitalausstattung werden instabil. Diese Instabilität gleichen öffentliche Instanzen durch Versorgungsgarantien aus. Außer den erhöhten Kosten werden damit auch die erhöhten Risiken durch Privatisierungen öffentlich getragen.

Die Nichtfinanzierbarkeit öffentlicher Krankenhäuser ist ein Grund, die Umverteilung von Unten nach Oben zu stoppen und umzukehren, nicht ein Argument, Krankenhäuser zu privatisieren und damit noch mehr Kosten für öffentliche Kassen zu verursachen oder die Lebens- und Arbeitsqualität der Beschäftigten zu senken oder beides.

Höhere Transparenz bezüglich der Behandlungserfolge und -qualität

Vorteile ergeben sich bei diesem Aspekt aus dem Interesse Privater

  • Behandlungserfolge und -qualität öffentlich zu kommunizieren, um gegenüber Mitbewerbern auf dem Gesundheitsmarkt besser dazustehen
  • die individuellen Leistungen von Beschäftigten zu kontrollieren und zu erhöhen


Gegenargumente:

  • Wirtschaftlicher Wettbewerb ist ein Motor für Intransparenz bezüglich der Behandlungserfolge und -qualität.
    Allgemein geht es privatwirtschaftlichen Unternehmen nicht um eine Förderung des Wettbewerbs, sondern im Gegenteil gerade darum, den Wettbewerb aufzuheben und Monopolstellung zu erlangen.
  • Transparenz bezüglich der Qualität eines Produkts oder einer Dienstleistung gegenüber der Öffentlichkeit wird regelmäßig durch öffentliche Instanzen erzwungen und gewährleistet. Ohne diesen öffentlichen Zwang gerät die Kommunikation von Behandlungserfolgen und -qualität durch Private zu Reklameschlachten und Deppenfang.
  • Wenn jemand an einer höheren Transparenz bezüglich der Behandlungserfolge und -qualität interessiert ist und nicht nur an einer vorteilhaften Darstellung von Behandlungserfolgen und -qualität, dann die Öffentlichkeit sowie die Kostenträger. Durch Privatisierungen werden Möglichkeiten öffentlicher Kontrolle eher zugebaut als ausgedehnt.
  • Bei der Kontrolle individueller Leistungen stellt sich die Frage nach den Kriterien der Beurteilung. Wirtschaftlicher Wettbewerb führt zu einer Verschiebung der Kriterien weg von den Bedürfnissen der Beschäftigten und PatientInnen hin zu fließbandmäßiger Bearbeitung mit strategischen Kommunikationsweisen gegenüber PatientInnen.

Insgesamt werden keine Argumente für Privatisierungen genannt, die nicht ohne Privatisierungen besser oder überhaupt erst erreicht werden können. Um eine wirklich höhere Transparenz bezüglich der Behandlungserfolge und -qualität zu erzielen, wären u.a. Reformen in der Haftbarkeit bei Behandlungsfehlern, bessere Unterstützung von PatientInnen, Förderung des Whistleblowings, demokratischere Entscheidungsstrukturen und ein Abbau der anachronistischen Hierarchien in Krankenhäusern erforderlich.

Qualitätsverbesserungen

Durch Privatisierungen werden Qualitätsverbesserungen erzielt, weil

  • schlechte Qualität unwirtschaftlich ist
  • der Wettbewerb zu mehr Qualität anspornt


Gegenargumente:

  • Das Erfordernis, sich als privater Träger gegenüber der Öffentlichkeit und öffentlichen Trägern beweisen zu müssen, hat in der Vergangenheit bewirkt, dass Qualitätseinbußen nach Privatisierungen wenn nicht völlig vermieden, so doch wenigstens eine Zeit lang gedämpft wurden. Ist ein privater Träger einmal etabliert, so ist durch Privatisierungen mindestens ebenso mit Qualitätseinbußen zu rechnen wie mit Qualitätsverbesserungen. Siehe zum Beispiel Asklepios in Hamburg.
  • Wir hatten vor den Privatisierungswellen einen sehr hohen Qualitätsstandard in der Gesundheitsversorgung erreicht. Privatisierungen sind keine notwendige Bedingung für Qualitätsverbesserungen. Die Erfahrung in nichtmedizinischen Wirtschaftsbereichen zeigt im Gegenteil, dass eher Qualitätsverschlechterungen aus Privatisierungen folgen.
  • Schlechte Qualität ist nicht per se unwirtschaftlich. Es kommt u.a. auf das allgemeine Qualitätsniveau an, auf die Verkaufbarkeit schlechter Qualität und auf die Möglichkeiten, die Konsequenzen schlechter Qualität von sich selbst abzuwenden. Siehe hierzu z.B. die Verschiebung der Konsequenzen schlechter Versorgungsqualität in Krankenhäusern auf den Rehabereich.
  • Qualität ist ein Ziel an sich. Dieses Ziel mittelbar als Effekt wirtschaftlicher Interessen erzielen zu wollen und nicht direkt, bedeutet eine Herabstufung der Qualität als Ziel.
  • Qualitätsverbesserungen liegen im Interesse der Öffentlichkeit und der Beschäftigten. Es wäre zu überlegen, wie direkt zu mehr Qualität "angespornt" werden könnte - ohne Umweg über privatwirtschaftliche Interessen. Hier besteht ein riesiges Potenzial bisher ungenutzter Möglichkeiten.
  • Es gibt private Träger mit vorbildlicher Qualität. Dies sind aber zumeist nicht jene, die die Krankenhäuser der Republik aufkaufen. Gerade solche, meist kleineren Träger werden durch umfassende Privatisierungen bedroht, weil sich Qualität eben gerade nicht unter Wirtschaftlichkeit subsummieren lässt.

Insgesamt können private Unternehmungen hinsichtlich der Qualität innovativ sein. Unter Beibehaltung eines Gesundheitssystems mit meist öffentlichen Einrichtungen kann dies besser genutzt und gefördert werden als unter Bedingungen der Konkurrenz qualitätsbewusster Unternehmungen mit taylorisierten Klinikketten, die über höhere Werbebudgets, größeren politischen Einfluss und bessere Beziehungen zu Kostenträgern verfügen.

Keine Reduzierung der Arbeitnehmerrechte, kaum Entlassungen, kaum Gehaltssenkungen

Dies sind keine Argumente für Privatisierungen, aber Argumente gegen eine Ablehnung von Privatisierungen. Argumente für Privatisierungen wären: mehr Arbeitnehmerrechte, mehr Personal, besseres Gehalt. Aber diese Argumente treffen leider selten oder gar nicht zu. Reduzierung der Arbeitnehmerrechte, Entlassungen und Gehaltssenkungen sind indessen kein Privileg privater Träger.

Was es im Allgemeinen für Beschäftigte bedeutet, wenn sich nicht-privatwirtschaftliche Träger die Arbeitsweise der privaten Unternehmen zum Vorbild nehmen, dürfte bekannt sein. (Siehe z.B. Kommunale Klinken Bremen, Diakonie, Deutsches Rotes Kreuz, Knappschaft.)

Dass sich nicht-privatwirtschaftliche Träger die Arbeitsweise der privaten Unternehmen zum Vorbild nehmen, scheint unvermeidlich, wenn der Gesundheitsbereich unter das Diktat des wirtschaftlichen Wettbewerbs gestellt wird. Insofern gibt es keine "friedliche Koexistenz" zwischen öffentlichen und karitativen Einrichtungen einerseits und profitorientierten Einrichtungen andererseits. Sobald letztere eine gewisse Bedeutung gewinnen und nicht lediglich eine Ergänzung zu einem allgemein nicht-konkurrenzgetriebenen Versorgungsangebot darstellen, müssen sich erstere anpassen, um nicht unterzugehen. Praktisch durchgesetzt wurde der Zwang für nicht-privatwirtschaftliche Träger, sich die Arbeitsweise der privaten Unternehmen zum Vorbild zu nehmen, durch die Einführung eines künstlichen Preissystems, genannt DRG. Die Preise/DRG-Pauschalen werden voraussichtlich so lange niedrig bleiben, bis genügend Krankenhäuser privatisiert werden mussten und somit private Träger genügend Marktmacht besitzen, um höhere Preise/Pauschalen durchzusetzen, die dann aber wohl eher nicht für die Ausweitung von Arbeitnehmerrechten, höhere Gehälter und den Abbau von Personalknappheit genutzt werden.

Wirtschaftlicheres Arbeiten

Durch Privatisierungen wird zu wirtschaftlicherem Arbeiten angespornt aufgrund

  • der Konkurrenz zu Mitbewerbern auf dem Gesundheitsmarkt
  • des Interesses, möglichst hohe Profite zu erzielen


Gegenargumente:

  • Was für eine einzelne Einrichtung, ein Unternehmen oder einen Konzern "wirtschaftlich" ist, kann für die Gesamtgesellschaft unwirtschaftlich sein. Deshalb ist der Ansporn zu wirtschaftlicherem Arbeiten auf Einrichtungs-/Unternehmens- oder Konzernebene für sich genommen kein Kriterium, das für Privatisierungen spricht.
  • Konkurrenz und Profitinteressen bedeuten einen permanenten Kostendruck. Träger, die nicht dauernd um Einsparungen bemüht sind, gehen im Konkurrenzkampf unter. Niemals wird ein Zustand relativer Stabilität erreicht - etwa, indem man sagt: "Nun liegen die Gesundheitsausgaben bei 11% des Bruttoinlandsprodukts. Das ist angemessen, das versuchen wir mal zu halten." Die Etablierung eines permantenten Sparzwangs im Gesundheitsbereich kann außer einer permanenten Personalknappheit lediglich eine Umverteilung des Gesellschaftsvermögens in andere Bereiche zur Folge haben. Denn das, was gespart wird, muss ja irgendwo hin fließen. Deshalb versteht sich die Anforderung, der Gesundheitsbereich solle wirtschaftlicher arbeiten, nicht von selbst. Die Frage lautet: Weshalb und zu welchem Nutzen soll der Gesundheitsbereich wirtschaftlicher arbeiten?
  • Permanenter Kostendruck führt zu permanenten Konflikten zwischen den Bedürfnissen der PatientInnen und Beschäftigten, den Interessen der Betreiber, denen der Zulieferer und denen der Kostenträger. Diese Konflikte auszutragen, kostet Zeit und Geld. Wer in diesen Konflikten jeweils die Oberhand gewinnt und wer unterliegt, bestimmt sich nach politischer und wirtschaftlicher Macht, nicht nach dem wirtschaftlichen Nutzen für die Gesamtgesellschaft.
  • Wirtschaftlichkeit ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel zum Zweck. Im Alltag sind wir sparsam nicht, um unsere Wirtschaftlichkeit zu erhöhen, sondern zum Beispiel, um uns einen schönen Urlaub leisten zu können. In der Gesundheitsversorgung sollten wir sparsam sein, nicht um die Wirtschaftlichkeit zu erhöhen, sondern um die Gesundheitsversorgung zu verbessern oder andere "Kosten" verursachen zu können. Privatisierungen verkehren den Sinn der Sparsamkeit: Wir sollen in der Gesundheitsversorgung sparsam sein, um die Wirtschaftlichkeit zu erhöhen. Eine gute Gesundheitsversorgung erscheint dabei ebenso wie der Urlaub der Beschäftigten als Kostenfaktor, nicht als das Ziel, wofür wir eigentlich arbeiten.
  • Weshalb wird von Krankenhäusern verlangt, dass sie sich als "Wirtschaftsbetriebe" selbst tragen, aber z.B. von Bundeswehrdivisionen wird dies nicht verlangt? Krankenhäuser als "Wirtschaftsbetriebe" zu behandeln, ist eine politisch-ideologische Stellungnahme, nicht eine sachliche Feststellung.

Bei privatwirtschaftlicher "Anspornung" unterliegen Sinn, Ziel und Nutzen des wirtschaftlicheren Arbeitens keinen vernünftigen oder bedürfnisorientierten Kriterien; sie sind maßlos und vom irrationalen Zwang vermittelt, im Konkurrenzkampf das eigene Unternehmen unabhängig von dessen sozialen Zweck erhalten zu wollen. Dagegen steht es öffentlichen und karitativen Trägern frei, in sinnvoller Weise zu einem wirtschaftlicheren Arbeiten "anzuspornen".

Mehr Erfahrung

Größere private Träger haben Erfahrungen in anderen Kliniken gesammelt.

  • Dadurch lassen sich optimierte Prozesse und bessere Lösungen leichter einführen.
  • Führungspersonal mit viel Erfahrung kann in neu übernommenen Kliniken eingesetzt werden.

Öffentliche Kliniken haben dagegen meist solche Erfahrungen nicht. Die Erfahrungen der Träger sind meist lokal und auf eine bis wenige Kliniken begrenzt.


Gegenargumente:

  • Öffentliche Kliniken können ebenfalls von ihren Erfahrungen profitieren, indem sie sich austauschen/zusammen arbeiten.
  • Das Mehr an Erfahrung wird (mindestens) ebenso für Verschlechterungen wie für Verbesserungen der Versorgungs- und Arbeitsqualität genutzt.
  • Laut Deutsches Ärzteblatt 12.6.07 besteht mittlerweile ein Arbeitskreis aus 16 Großkrankenhäusern, die sich über erfolgreiche Strategien und best practice-Beispiele austauschen. Dass diese 16 auf eine höhere Mitarbeiterproduktivität verweisen könnten als beispielsweise Häuser der Rhön Klinikum AG, „das kann sich draußen keiner vorstellen“, ergänzte Kramer, der Geschäftsführer des Klinikums Bielefeld.

Besseres Arbeiten für ÄrztInnen

Bei einigen privaten Trägern haben ÄrztInnen bessere Bedingungen.

  • Neuanschaffungen können sie gegenüber der Verwaltung leicher durchbringen.
  • Die Verwaltung erleichtert ihnen sogar das Arbeiten (während sie in öffentlichen Kliniken oft als Bremmsklotz wirkt)
  • Die Gehälter sind besser.


Gegenargumente:

  • Vergünstigungen für ÄrztInnen gehen bei privaten Trägern regelmäßig mit Verschlechterungen für "Subordinierte" und teilweise mit einer Förderung anachronistischer Hierarchien einher - manchmal sogar in der ÄrztInnenschaft selbst.
  • Die Verbesserungen für ÄrztInnen ergeben sich nicht daraus, dass ein Träger privat ist, sondern aus diversen Machtkonstellationen und Geschäftskalkülen. Besser wäre es, Verbesserungen für ÄrztInnen als direktes Ziel anzustreben, was öffentliche Träger natürlich machen sollten.


Zusammenfassung

Bisher haben sich keine tragfähigen Argumente gefunden, die für Privatisierungen im Gesundheitsbereich sprechen. Aber es ist deutlich geworden, worauf sich Befürwortungen von Privatisierungen - auch durch jene, denen sie nichts nützen - stützen:

  • Argumente gegen öffentliche Trägerschaft werden häufig ausgegeben bzw. eingeschätzt als Argumente für Privatisierungen. Vorausgesetzt wird dabei, dass dazu, wie öffentliche Trägerschaft in der Regel funktioniert, nur die Alternative strukturelle und/oder auch formale Privatisierung besteht.
  • Probleme in öffentlichen Einrichtungen (Bürokratismus, Verschwendung) wurden nicht gelöst. Sowohl politische Instanzen als auch Beschäftigte haben Möglichkeiten, die sich gerade aus der öffentlichen Trägerschaft der Einrichtungen ergeben, nicht genutzt und sich in suboptimalen Verhältnissen eingerichtet.
    Weitere Probleme in öffentlichen Einrichtungen entstanden durch das Kopieren privatwirtschaftlicher Management-Methoden. In solchen Einrichtungen wirken Elemente öffentlicher Kontrolle leicht wie Störfaktoren, während zugleich die MitarbeiterInnen demotiviert und gehindert werden, aktiv in das Management einzugreifen. Es entsteht das Bedürfnis nach "klaren Verhältnissen", das sich ohne die Bereitschaft bzw. Denkmöglichkeit, aktiv ins Management einzugreifen, in Richtung vollständiger Privatisierung äußert(e).
    Siehe dazu auch z.B. Leipziger Stadtrat Dr. Burgkhardt (FDP): Die Qualität privater Träger ist oft besser (Mai 2007).
  • Die Finanzschwäche öffentlicher Haushalte wird als gegeben hingenommen, wobei entweder gar nicht erst gefragt wird, weshalb öffentliche Töpfe leer und private voll sind, oder eine Änderung dieses Zustandes für unmöglich gehalten wird - eine Einstellung, die sich bestätigt, indem man sie einnimmt.
  • Es besteht eine Ideologie, in der ein spezieller Blickwinkel als allgemeingesellschaftlicher Blickwinkel Geltung besitzt. Diese Ideologie drückt sich u.a. in einer fehlenden Differenzierung des Begriffs der "Wirtschaftlichkeit" aus, in der Verengung der Sichtweise auf Krankenhäuser als "Wirtschaftsbetriebe" und darin, dass Ausgaben im Gesundheitsbereich generell als zu vermeidende "Kosten" aufgefasst werden, während doch eigentlich Erkrankungen zu vermeiden sind, dabei aber die Möglichkeit zu großzügigen Ausgaben im Gesundheitsbereich erstrebenswert.


Weitere Aussichten

Nach Dr. Hildebrand & Partner GmbH (H&P) Newsletter 17.7.07:

Der wirtschaftliche Erfolg Privater nach Aufkauf eines Krankenhauses beruht hauptsächlich auf deren bessere Möglichkeiten, Einsparpotenziale zu realisieren, die öffentliche Träger aufgrund politischer und bürokratischer Hindernisse ungenutzt lassen. Sind die Einsparpotenziale aber ausgeschöpft, steht kein weiteres Wachstum in Aussicht, denn die stationäre Krankenbehandlung [ist] keine Wachstumsbranche. Es gibt im Gegenteil Überkapazitäten, deren Abbau ansteht.

Diese Tatsache hat z.B. in den USA dazu geführt, dass das zunächst rapide Wachstum privater Krankenhausketten ins Stocken kam. Mehr oder weniger kriminelle Versuche, dem ausbleibenden Wachstum auf andere Weise auf die Sprünge zu helfen, führten vielfach zum Desaster und zu einer Rückkehr zu freigemeinnützigen oder gar öffentlichen Trägerschaften. Der Anteil „Privater“ dümpelt in den USA seit der Umstellung auf DGRs in der ersten Hälfte der 80er Jahre bei gerade einmal 20%! ... Vorerst werden die „Privaten“ noch „gut Geld verdienen“ und ihr weiteres Wachstum aus Erweiterung finanzieren. Doch die hat ihre natürlichen Grenzen. Dann spätestens dürfte es Zeit werden, sich von deren Anteilen rasch zu trennen. Denn eine Wachstumsbranche ist (im Unterschied zu den Herstellern neuzeitlicher Medikamente und Medikalprodukte) die Leistungserbringung auf die Dauer sicher nicht.


Einwand: Möglicherweise ist diese Einschätzung zu pessimistisch, denn es bestehen Tendenzen, stationäre Behandlungen zu einer Wachstumsbranche zu machen, indem die Anlässe und Motive solcher Behandlungen über diejenigen der Beseitigung von Erkrankungen hinaus ausgeweitet werden: sog. Schönheitsoperationen; Fortpflanzungsmedizin; Körperfiguränderungen; Anti-Aging-Medizin; psychische, geistige und Körperoptimierungen. Der menschliche Körper wird in seiner sozialökonomischen Funktionalität der Kleidung ähnlicher, die heute Einfluss u.a. auf Chancen am Arbeitsmarkt hat und deren Produktion - nachdem der sachliche Wachstumsschub weg war (Reklame in den 1940ern: "Männer, die nicht jeden Tag die Unterhose wechseln, sind schmutzig") - durch die Ideologie der Mode und schlechte Materialqualität geschoben wird.


Siehe auch

Siehe auch

Persönliche Werkzeuge